Ein Zentrum, viele Sprachen
Meine erste Spielzeit am LAC als künstlerischer Leiter entstand aus dem Bedürfnis heraus, von Anfang an klarzustellen, dass es sich nicht um einen bloßen Wechsel des Rahmens, sondern um einen Paradigmenwechsel handelte. Es galt zu bekräftigen, dass Musik am LAC nicht als ein Erbe behandelt werden würde, das mit Samthandschuhen und guten Manieren zu hüten sei, sondern als eine lebendige Kraft, die in der Lage ist, Zeiten, Sprachen, Bilder und Gemeinschaften zu durchdringen.
Die Saison 2026/27 knüpft daran an, geht aber noch einen Schritt weiter: Sie beschränkt sich nicht darauf, eine Ausrichtung zu formulieren. Sie verleiht ihr eine offenere, bewusstere, freiere Form.
Im Mittelpunkt dieser Saison steht das Klavier, ausgehend von der sozialen Geschichte, die es prägt. Kein Instrument war so tief mit der bürgerlichen Verbreitung der Musik im 19. Jahrhundert verbunden: der Salon, das Haus, die Bildung, die Transkription, das Lied, das Studium, das kulturelle Prestige, die Vorstellung selbst, dass Musik zum Alltag werden könnte – geistige Nahrung.
Das Klavier war in diesem Sinne eine Maschine der Zivilisation und der Distinktion. Doch gerade weil es diese Geschichte in sich trägt, bleibt es heute ein außerordentlich fruchtbares Instrument: Nur wenige Instrumente vermögen Disziplin und Sehnsucht, Konstruktion und Impuls, vertikale Architektur und horizontalen Fluss mit derselben Deutlichkeit zu vereinen. In dieser Saison erscheint das Klavier nicht als Relikt jener Welt, sondern als ihre lebendigste Transformation: eine Fläche aus weißen und schwarzen Tasten, auf der sich noch heute die Bewegung der Finger entfaltet, vom Recital bis zum Konzert mit Orchester, vom Kunstlied bis zur zeitgenössischen Musik, vom Jazz bis zur Elektronik, bis hin zur synthetischen Klanglandschaft von Vangelis. Kein Symbol des Prestiges, sondern ein Feld der Möglichkeiten: ein Zentrum, von dem aus sich viele Sprachen ausbreiten.
In dieses Feld fügen sich die großen Klavierereignisse der Saison ein. Evgeny Kissin führt uns ins Herz Beethovens. Hélène Grimaud schlägt eine Brücke zwischen Beethovens letzter Sonate und Schuberts letzter Sonate, in einer Kombination von außergewöhnlicher Klarheit und Tiefe. Yuja Wang widmet sich den beiden Konzerten von Brahms. Fazıl Say tritt sowohl als Interpret als auch als Komponist auf. Hiromi führt das Klavier in einen Raum, in dem der Rhythmus zum Impuls wird und die Freiheit eine fast physische Konsistenz annimmt. Ólafur Arnalds setzt dazu einen zurückgenommenen, seitlich versetzten Kontrapunkt, der schon auf eine andere Klangvorstellung verweist. Aus diesem Grund entspricht das Klavier in dieser Saison niemals nur einer einzigen Vorstellung von Musik: Es wechselt die Funktion, nicht die Identität.
Von hier aus gewinnt das Recital von Asmik Grigorian mit Lukas Geniušas seine besondere Bedeutung. An diesem Punkt hört das Klavier auf, ein in sich geschlossenes Zentrum zu sein, und wird zu Beziehung, Tiefe und gemeinsamem Atem. Die Tastatur untermalt die Stimme nicht nur: Sie legt sie bloß, hört ihr zu, widerspricht ihr, begleitet sie bis zu dem Punkt, an dem der Klang zum inneren Wort wird. Von dort aus eröffnet sich ganz natürlich der lyrische Teil der Saison: in der Eröffnungsgala mit „Opera for Peace“, im Projekt des Freiburger Barockorchesters und in der Missa Solemnis. Nicht als getrennte Kapitel, sondern als Punkte, an denen sich die Musik, indem sie zur Stimme wird, mit ihrer innersten Dimension misst.
Ein Kulturzentrum darf nicht einfach nur benachbarte Ausdrucksformen beherbergen, sondern muss die Voraussetzungen schaffen, dass sie sich gegenseitig auf die Probe stellen. Sinn hat es nur dann, wenn die dort vertretenen Ausdrucksformen aufhören, parallel zu verlaufen, und beginnen, sich im Kontakt miteinander zu verändern. Deshalb ist Revolta der Geneva Camerata so wichtig: weil es nicht einfach nur Tanz zur Musik von Schostakowitsch hinzufügt, sondern die Idee des Konzerts selbst ins Wanken bringt. Und deshalb ist die Kreation der Schweizer Choreografin Cindy Van Acker mit Eklekto zu Xenakis’ Pléïades, koproduziert vom LAC, noch radikaler: keine Zusammenarbeit zwischen Disziplinen, sondern eine gemeinsame Materie aus Körper, Rhythmus, Raum, Percussion und Architektur. In diesem Schritt zeigt das LAC wirklich, was es bedeutet, ein Zentrum zu sein: keine Summe getrennter Bereiche, sondern ein Raum, in dem sich verschiedene Sprachen artikulieren, aufeinander reagieren und eine gemeinsame Form finden, ohne ihre Eigenheit zu verlieren.
Das Gleiche gilt für das Kino als Klang- und Zeitform, für die Elektronik und für die zeitgenössische Musik. Blade Runner mit Live-Orchester betritt die Spielzeit nicht als Blockbuster, sondern als eine andere Figur der Zeit: eine künstliche, vielschichtige, verstörende Zeit, konstruiert als Erinnerung an die Zukunft. Songbook von Matteo Franceschini drängt von einer anderen Seite in dieselbe Richtung und bringt Liedform, Ensemble, Rock und Live-Elektronik in Spannung zueinander. Und Künstler wie Fazıl Say, Dhafer Youssef und Kinan Azmeh zeigen besonders deutlich, dass die musikalische Gegenwart niemals im luftleeren Raum entsteht. Sie entspringt einer Herkunft, einer Sprache, einer Erinnerung. In ihrem Fall sind die Türkei, die arabisch-tunesische Welt, Syrien und die Levante keine kulturellen Hintergründe, die es zu beschwören gilt, sondern lebendige Matrizen des musikalischen Denkens. Genau aus diesem Grund bietet sich die Tradition in ihren Händen nicht als zu bewahrendes Repertoire an: Sie offenbart sich, wandelt sich, tritt als Schöpfungsstoff in die Gegenwart ein.
In diesem Rahmen ist die Staatskapelle Dresden mit Daniele Gatti und Augustin Hadelich nicht deshalb Teil der Saison, um diejenigen zu beruhigen, die den Wert einer Saison nur dann erkennen, wenn sie darin einige bereits etablierte Namen finden. Sie markiert als zweites großes symphonisches Ereignis der Saison deutlich, auf welchem Niveau sich diese Saison positionieren will. Die Öffnung gegenüber verschiedenen Ausdrucksformen, der Gegenwart, dem Tanz, dem Kino und der Elektronik entspringt nicht einer Verringerung der Ambitionen, sondern einer umfassenderen und anspruchsvolleren Vorstellung davon, was eine kulturelle Institution heute sein muss.
Dies ist meine erste Saison am LAC in der Doppelrolle als künstlerischer Leiter und Generaldirektor. Ich bin mir bewusst, dass von einer Person wie mir in erster Linie Ausgewogenheit, solide Verwaltung und Strenge erwartet werden. All dies ist notwendig, reicht aber nicht aus. Eine Kulturinstitution lebt nicht, weil sie funktioniert. Sie lebt, weil sie wählt, weil sie Stellung bezieht, weil sie einen Mittelpunkt setzt und alles akzeptiert, was dieser Mittelpunkt mit sich bringt: Risiko, Vision, Konflikt, Verantwortung.
Deshalb wurde die Musiksaison 2026/27 nicht konzipiert, um Erwartungen zu bestätigen. Sie wurde konzipiert, um eine Vorstellung vom LAC spürbar zu machen, in der das Klavier nicht beruhigt, sondern erforscht; in der die Stimme nicht einfach eine lyrische Dimension einführt, sondern die Musik in einen offeneren Bereich von Wort und Atem führt; in der der Tanz die Form des Konzerts verändert; in der Kino und Elektronik das Klangfeld erweitern; in der die Gegenwart kein separater Bereich ist, sondern eine Weise, in der Zeit zu stehen.
Andrea Amarante
Generaldirektor und künstlerischer Leiter Musik